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Kunstaktion zur Psoriasis: Von Monstern und Seelenvögeln

HAMBURG/BERLIN (blu/red) – Entzündungsareale an den Ellenbogen, an den Händen, an den Füßen, an den Ohren, im Gesicht: Manchmal werden die Anzeichen einer Psoriasis deutlich sichtbar. Was macht diese Erkrankung mit Betroffenen und wie wirkt sie auf andere? Innen- und Außenansichten vermittelt eine Online-Kunstaktion, initiiert von „Bitte berühren“, der gemeinsamen Aufklärungskampagne von Hautärztinnen und Hautärzten, Psoriasisnetzwerken, Betroffenen und Patienten-Selbsthilfe.

„Haut trifft Kunst“ lautete das Motto der Ausschreibung. „Mit der Kunstaktion möchten wir die Komplexität der Erkrankung aufzeigen, die weit über die rein sichtbaren Hautmerkmale hinausgeht“, erläutert Dr. Ralph von Kiedrowski seitens des Veranstalters. Er ist Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen e.V. (BVDD) und gehört auch der Leitung des Psoriasis-Praxisnetzes Süd-West an.

Eigentlich hätte die Kunstaktion ja bei einem Straßenfest in Hamburg in direktem Kontakt mit Passanten stattfinden sollen. Die Corona-Pandemie machten diesem Plan einen Strich durch die Rechnung.

Florian Ingenillem ist als Betroffener im Deutschen Psoriasis Bund aktiv. Als Jugendlicher nahm er als Mentor an einem DPB-Jugendcamp teil. Der Austausch mit anderen jungen Leuten in gleicher Lage gab ihm wichtige Impulse, besser mit den Konsequenzen seiner chronischen, d.h. lebenslangen, Psoriasis fertig zu werden – und sich dazu auch öffentlich zu äußern wie jetzt mit seinem Beitrag zur Kunstaktion von „Bitte berühren“.

Nach dem chinesischen Kalender ist Florian im Jahr des Drachen geboren worden. Das mythische Urtier hat ihn schon lange fasziniert. Er ließ es sich auf die Haut tätowieren. Heute identifiziert er sich mit dem schuppigen Fabelwesen. Da war die Wahl seines Bildmotivs geradezu naheliegend: „Es geht bei meiner Darstellung um Freiheit, selbst in die Tat kommen, Ausbrechen aus alten Gewohnheiten, Veränderungen“, erläutert Ingenillem, der heute in einem Waldorfkindergarten in Arensburg tätig ist. „Ich durchbreche die ,dunkle‘ Wand und fliege in ein ‚neues sonniges‘ Leben“, so der Erzieher. „Die ‚dunkle‘ Wand symbolisiert den schweren Kampf mit meiner Schuppenflechte, aber auch mit mir selbst. Ich habe mich zurückgezogen, versteckt, geschämt usw. Doch irgendwann kam mein Durchbruch in ein neues und besseres, selbstbestimmtes Leben mit der Schuppenflechte, die aber nicht mehr im Mittelpunkt stand.“

Sechs junge Künstler haben im Schulunterricht am Seelenvogelprojekt von Dr. Roswitha Sommerfeldt aus Halle mitgewirkt.
In der künstlerischen Bearbeitung von Bodypainterin Larissa Ratzmann verwandeln sich die rieselnden Schuppen in Sternchen.
Der schuppige urtümliche Flugdrache ist für Florian Ingenillem das Sinnbild des eigenen Strebens nach Unabhängigkeit.
Unter der massiven Borke regen sich Gefühle. Das ist die Botschaft des Airbrush von Christoph Kottemölle.

 

Dr. Roswitha Sommerfeld hat sich von der Einladung inspirieren lassen. Für den Unterricht erweiterte sie den Slogan zu „Haut trifft Kunst und Seele“,  und war damit bei ihrem Thema: „Bildhaft gesehen trägt jeder von uns einen Seelenvogel in sich“, sagt sie.

Das eingereichte Bild ist das gemeinschaftliche Ergebnis aus dem Förderunterricht. Für ihre heranwachsenden Schülerinnen und Schüler war es schon ein Erlebnis, gemeinsam an einer Staffelei auf Leinwand zu malen.
„Lisas großer Seelenvogel steht zwischen vielen Hoch- und Tiefs der Hintergrundgestaltung von Tom, Claudia und mir im Mittelpunkt“, erläutert die Lehrerin. „Lisa meint, dass sie einen traurigen, in sich gekehrten Seelenvogel habe, obwohl die Farben superbunt sind. Links unten ist Jannicks glücklicher Seelenvogel, rot mit blauem Rand. Daneben ist total zu- und übermalt Claudias Seelenvogel, ungeduldig und fröhlich. Ungewiss und erstaunt ist Emilys Seelenvogel am rechten Rand. Unten ist nach einer anstrengenden Farbmischung für Orange Toms Seelenvogel zu sehen. Er ist grimmig und wütend.“ Soweit die Beschreibung der Lehrerin, die an der Förderschule für Geistigbehinderte „Astrid-Lindgren“ in Halle unterrichtet. Sie hat selbst seit jungen Jahren alle Höhen und Tiefen der chronischen Psoriasis durchlebt. Sie war damals ungefähr so alt wie ihre heutigen Schüler, von denen manche gleichfalls schuppende und juckende Hautveränderungen aufweisen.

Die Pädagogin ist Mitglied im Beirat von „Bitte berühren“. Auch von daher rührt ihr Interesse, die Kunstaktion im Unterricht aufzugreifen. In den vergangenen drei Jahren allerdings hat bei ihr persönlich eine dramatische Wende eingesetzt, seitdem sie mit einem monoklonalen Antiköper-Medikament behandelt wird. „Mein Leben heute ist ein ganz anderes“, sagt sie. Ausgrenzung, Rückzug und Scham gehören für sie der Vergangenheit an.

Zwei junge Hamburger Künstler haben als Nicht-Betroffene das „Bitte berühren“-Projekt mit ihren Mitteln unterstützt und begleitet. Larissa Ratzmann macht als Bodypainterin den eigenen Körper zur Projektionsfläche. Sie hat sich dazu von Internetrecherchen anregen lassen. Haften geblieben ist bei ihr die Äußerung eines jungen Manns, der sich unter dem Eindruck der plötzlich auftretenden Veränderungen als Monster empfand.

Christoph Kottemölle greift unter dem Namen „Sprühwairk“ regelmäßig zur Airbrush-Pistole. Dabei entstehen Kunstwerke ganz klassisch auf Papier und Leinwand, aber auch auf ausgefalleneren Untergründen wie Leder und Holz, auf Thermoskannen oder Eishockeymasken. „Ich bin sehr interessiert daran, welche Emotionen Menschen mit Schuppenflechte im Zusammenhang mit ihrer Krankheit beschreiben“, so der Künstler.

Exemplarisch sind hier vier von 32 Kunstwerken beschrieben, die  binnen vier Wochen aus ganz Deutschland eingesendet und online gestellt wurden:  Jedes für sich trifft die Idee und Intention hinter der Online-Ausstellung.

Noch einmal Dr. von Kiedrowski: „Moderne Therapien bei Schuppenflechte können einen Zugewinn an Freiheit und positivem Lebensgefühl ermöglichen. Ausgrenzung und Stigmatisierung sind bei allem Fortschritt in der heutigen Medizin aber dennoch und immer noch hochaktuelle Themen bei Schuppenflechte, Sie können emotionale Belastungen bis hin zu einer Depression zur Folge haben. Dem stehen aber auch positive Emotionen gegenüber, zum Beispiel Glück, Hoffnung und Erleichterung bei Therapieerfolgen oder erscheinungsfreier Haut.“

In diesem Spannungsfeld stehen die insgesamt 32 Beiträge, die >> im Internet auf www.bitteberuehren.de zu bewundern sind.