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Männer und Frauen in der Medizin: gleich und doch verschieden

BERLIN – Der Volksmund spricht vom gebrochenen Herzen. In der Literatur, im Film und in der Musik sind Frauen Legion, die den plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen nicht überwinden und herzkrank ihr Leben verlieren. Aktuelle kardiologische Studien zum „Broken heart syndrom“ bestätigen nun die laienhafte Deutung. Auch diesen wissenschaftlichen Erhebungen zufolge sind überwiegend Frauen betroffen. So die Kardiologin Prof. Verena Stangl bei der jüngsten Fortbildung des Psoriasisnetzes Berlin und Brandenburg.

„Genderaspekte bei Herzerkrankungen“ und „… unter Medizinmännern“ standen im Mittelpunkt des Online-Austausches mit nahezu fünf Dutzend Hautärzt:innen aus Berlin und Brandenburg. Die leitende Oberärztin der Medizinischen Klinik für Kardiologie und Angiologie der Berliner Charité übernahm den kardiologischen Teil, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der Charité, Christine Kurmeyer, den berufspolitischen Schwerpunkt des Abends – die Frage nach der Gleichberechtigung von Ärzten und Ärztinnen im Berufsalltag.

Fakt ist: Herzerkankungen stehen bei Männern wie Frauen gleichermaßen bei den Todesursachen ganz oben – auf Platz 1 bei Männern wie Frauen die ischämischen Herzerkrankungen, auf Platz 3 bei Frauen der akute Myokardinfarkt, bei Männern an gleicher Position die chronische Herzinsuffizienz – noch einen Rang vor dem Myokardinfarkt.

Bei Psoriasis sind – unabhängig vom Schweregrad der Hauterkrankung – typische Risikofaktoren für Herzerkrankungen um das Zwei- bis Fünffache erhöht. Dazu zählen allen voran: Fettstoffwechselstörungen, Rauchen, Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und das metabolische Syndrom.

Daraus resultiert ein um bis zu 50 Prozent erhöhtes Risiko für akute Herzerkrankungen, das noch mit der Schwere der Hautentzündung steigt. Das zeigt eine erst im April erschienene gemeinsame Publikation von amerikanischen Kardiolog:innen und Dermatolog:innen, auf die die Referentin verwies.

Beide Gesichtspunkte – kardiovaskuläre Risikofaktoren und Früherkennungssymptome – waren auch für das Dermatolog:innen-Auditorium von hohem Interesse. Erste Symptome, aber auch bereits ausgeprägte Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehen sie bei ihren Psoriasispatient:innen mit Psoriasis häufig, wie Teilnehmer:innen der Fortbildung in der anschließenden Online-Diskussion bestätigten. Diese Komorbidität frühzeitig zu erkennen und entsprechende Spezialist:innen zur Behandlung hinzuzuziehen, ist ein wichtiges Ziel im hautärztlichen Arbeits- und Versorgungsalltag.

Doch, wie die Berliner Kardiologin weiter verdeutlichte, gibt es für die medizinische Versorgung von Herzerkrankungen zugleich zahlreiche und bedeutsame Unterschiede zwischen Mann und Frau. Nicht nur, dass Frauenherzen kleiner sind sind und bei ihnen die Ruhe-Frequenz 3–5 Schläge höher ist als bei Männern. Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen darüber hinaus hinsichtlich der Risikofaktoren und der Symptome zur Früherkennung, wie die erfahrene Klinikerin ausführte.

Während als ein spezifisches „Männer-Risiko“ für den Herzinfarkt beispielsweise lediglich Alkoholkonsum angesehen wird, kommen bei Frauen oral verabreichte hormonelle Mittel zur Empfängnisverhütung, mit der Schwangerschaft einhergehender Bluthochdruck oder Diabetes, eine vorzeitige Menopause, aber auch Autoimmunerkrankungen, Depressionen oder eine Brustkebs-Behandlung als spezifisch weibliche Risikofaktoren in Betracht.

Unterschiede in der Symptomatik bei akuten Herzinfarkt führten nach Stangls weiteren Ausführungen zu zeitlichen Verzögerungen bis zum Aufsuchen eines Arztes. Brustschmerz ist bei beiden Geschlechtern das Leitsymptom, doch bei Frauen kommt oft eine Vielzahl weiterer Symptome hinzu. Die Infarktproblematik lässt sich für sie oft zunächst nicht eindeutig bestimmen. „Daher kommen Frauen in der Regel etwas später als Männer, ehe sie mit der lebensrettenden Therapie behandelt werden können“, so Prof. Stangl.

Hinzu kommt nach den Ausführungen der Kardiologin: Sicherheit und Wirksamkeit der einschlägigen Herzmedikamente sind für Frauen weit weniger gut durch Daten belegt als für Männer. Der Frauen-Anteil an randomisierten Arzneimittel-Studien beträgt nämlich häufig meist nur 20–30 Prozent. „Die Studiendaten werden auf die geringer repräsentierten Frauen hochgerechnet“, so Stangl, die eine komplexe Gemengelage von Motiven – zum Beispiel Sicherheitsbedenken bei Frauen mit Kinderwunsch, aber auch Empfängnisverhütung und hormonell bedingte Kontraindikationen oder familiäre Rücksichten – als häufige Ursachen für den Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien nannte. Spezielle Arzneimitteltherapie-Empfehlungen und Richt- und Leitlinien für Frauen seien bislang noch die Ausnahme. So komme es bei Frauen häufiger zu unerwarteten Arzneimittelreaktionen. Abweichungen von der Standardtherapie seien daher bei ihnen häufiger erforderlich als bei Männern mit gleicher Grunderkrankung.

Karrierehürden auf dem Weg zur Gleichberechtigung

Die Geschlechterparität war auch im berufspolitischen Teil des Abends ein wichtiger Gesichtspunkt. Die zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Christine Kurmeyer lieferte zum Ist-Zustand am Beispiel einer der größten Arbeitgeberinnen des Landes Berlin – der Charité, Universitätsmedizin Berlin – eine ganze Reihe von Daten, Fakten und Einzelbeoachtungen. So sind nach ihrer Darstellung 60 Prozent der Medizinstudent:innen weiblich und zehn Prozent haben bereits in der Studienzeit Nachwuchs, bei den Professuren jedoch sind die Frauen mit einem Anteil von nur 23 Prozent in ihrem späteren Beruf krass unterrepräsentiert, ebenso bei der Vergabe von Leitungspositionen, die auch heute noch zu 80 Prozent Männer inne haben.

Als „Karrierehürden“ erweisen sich nach Kurmeyers Erfahrung einerseits kaum vorhandene Kinderbetreuungsmöglichkeit in den „Rand(arbeits)zeiten“ und die – zumal für familiär eingebundene Frauen  – unattraktiven Arbeitszeiten in Führungspositionen, zum anderen aber auch der eingeschränkte Zugang von Frauen zu informellem Karrierewissen – Stichwort: Netzwerke – oder auch eine wenig strukturierte, systematische Personalentwicklung.

In der darauffolgenden lebhaften Online-Debatte stand die Frage im Mittelpunkt, ob Karrierechancen von Frauen im bestehenden „System“ zu verbessern seien oder ob dazu nicht die bestehenden Arbeits- und Hierarchie-Strukturen verändert werden müssen. Ein in der Runde diskutiertes Modell könnte eine Fortentwicklung des herkömmlichen Chefarztsystems darstellen, verbunden mit der Möglichkeit zur Stellenteilung oder einer stärkeren Differenzierung zwischen Forschung und Lehre einerseits und Patientenversorgung andererseits.

Verbale Unterstützung bekamen die Teilnehmerinnen der Fortbildung in der abendlichen Zoom-Konferenz von Medizinmänner-Seite: Dr. Georgios Kokolakis, stellvertretender Vorsitzender des Psoriasisnetzes Berlin und Brandenburg, erwartet von einem Wandel im System auch Chancen für die Männer, Ehe, Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Im Übrigen seien die geschilderten belastenden Bedingungen in Forschung und Lehre kein Charité-spezifisches Phänomen, sondern nach seiner Erfahrung deutschlandweit verbreitet.

Die Charité geht bereits seit vielen Jahren bereits neue Wege und begegnet den – so Kurmeyer – historisch über Jahrhunderte gewachsenen Tendenzen zur Diskriminierung von Frauen unter Medizinmännern nicht allein mit mehr Kinderbetreuungseinrichtungen, einer Auditierung zu Fragen der „familiengerechten Hochschule“, Girls’ Days und Stipendien. Sie hat vielmehr beispielsweise auch spezielle Förder- und Mentoring-Programme für Frauen in der Medizin aufgelegt. Ein Dreiklang aus Gleichstellung, Diversität sowie Inklusion für alle und von allen jenseits aller Diskriminierungsgrenzen (Geschlecht, Religion, körperliche Einschränkung oder sexuelle Orientierung) ist in diesem Konzept Teil einer Charité-weiten Zukunftsstrategie über alle hierarchischen Ebenen und Strukturen hinweg bis hinein in die Qualitätssicherung des Unternehmens.