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Das Wichtigste bleibt der Austausch und die Unterstützung im Alltag

ORANIENBURG (blu) – Im November hat Dr. Sandra Philipp den Vorsitz des Psoriasisnetzes Berlin und Brandenburg übernommen. In ihrem ersten Interview nach dem Wechsel stehen die aktuelle Lage und die Entwicklungsperspektiven des Psoriasisnetzes im Vordergrund.

Wie geht es Ihnen jetzt in einer Zeit weiter steigender Kontaktbeschränkungen angesichts weiter steigender Covid-19-Infektionen?

Ich darf mich nicht beklagen. Ich kann immer noch jeden Tag arbeiten gehen. Es werden zwar häufiger als vor der Pandemie Termine abgesagt, beispielsweise wegen eines akut aufgetretenen Infekts, doch ansonsten herrscht fast normaler Betrieb. Man kann in der Dermatologie sicher manche Behandlung verschieben, aber die Patienten benötigen eben auch weiterhin ihre Versorgung.

Und wie steht es um den Infektionsschutz?

Seit der ersten Welle hat sich viel getan. Die Infektionsschutz-Ausrüstung ist jetzt vorhanden. Wir sorgen selbstverständlich für den nötigen Abstand und tragen alle eine Maske. Im Übrigen reagieren wir flexibel. Wir versuchen die Zahl der Patienten im Wartezimmer gering zu halten, bei Risikopatienten, vor allem mit Begleiterkrankungen, achten wir darauf, dass sie nur dann kommen, wenn es tatsächlich erforderlich ist, und prüfen von Fall zu Fall, ob wir dem Patienten einen Besuch in der Praxis ersparen können und ob möglicherweise der Hausarzt im Rahmen einer ohnehin anstehenden Behandlung eine Untersuchung (z.B. Laborkontrolle) mit übernehmen kann.

Die neue Vorsitzende des Psoriasisnetzes Berlin und Brandenburg Dr. Sandra Philipp ist in Oranienburg als niedergelassene Hautärztin tätig. (Bild: blu)

Für den Großteil der Patienten findet die Behandlung heute wieder wie gewohnt statt. Lediglich wenn die Überweisung in eine Hautklinik erforderlich wird, kann es schon einmal etwas länger dauern. Die Kolleginnen und Kollegen dort werden mit weiter steigenden Zahlen bei der Covid-19-Infektion zunehmend für andere Dienste in Anspruch genommen.

Wie gehen die Patienten mit der Lage um?

Im Frühjahr haben sich einige gar nicht erst getraut, in die Praxis zu kommen – was bei manchen dazu geführt hat, dass die Haut schlechter wurde und die Gelenkschmerzen zugenommen haben. Anfangs herrschte eine ziemliche Verunsicherung. Bei schwereren Fällen betrifft das auch die Neueinstellung oder Fortführung einer Immuntherapie. In diesem Punkt haben die konsentierten Stellungnahmen der Fachgesellschaften für die nötige Klarheit gesorgt. Von uns ist im Praxisalltag Aufklärungsarbeit gefordert. Wir müssen unseren Patienten die medizinischen Hintergründe ordentlich erklären. Das gilt überdies für viele lebenspraktische Fragen zum nötigen Selbstschutz und Kontaktbeschränkungen, etwa ob der Schulbesuch der Kinder oder die Teilnahme am Sport noch ratsam sei.

Wie stehen Sie zu Ausnahmeregelungen für Hautkranke und speziell für Menschen mit Psoriasis von der Maskenpflicht und Handhygiene?

Tatsächlich kann häufiges Händewaschen und -desinfizieren für Patienten mit Beteiligung der Hände schwierig sein, wenn der Handrücken bzw. die Handinnenflächen entzündet sind. Je nach Desinfektionsmittel kann die Händehygiene dann auch schmerzhaft sein. Und ohne Frage ist das andauernde Maske-Tragen ganz allgemein für uns alle anstrengend, bei Atemwegsproblemen oder gar COPD-Vorerkrankung noch ungleich mehr. Entzündliche Hautveränderungen im Gesicht sind bei Schuppenflechte im Erwachsenenalter allerdings eher selten und in einem solchen Fall wäre eine Ausnahme sicherlich auch vertretbar.

Ein befreiendes Attest schreibe ich extrem selten. Bei Psoriasispatienten gab es dazu bisher auch so gut wie keine Nachfragen. Im Allgemeinen sollten möglichst viele eine Atemschutzmaske tragen, aus Respekt vor anderen, um sie zu schützen – und selbstverständlich auch zum Selbstschutz. Ich bin daher eher restriktiv.

Das PsoNet BB wurde 2009 gegründet. Was hat sich seither verändert?

Im Vergleich zur Gründerzeit hat sich unser Therapiespektrum wesentlich erweitert. 2009 gab es nicht einmal eine Handvoll immunologisch wirkender Therapien. Heute können wir aus mehr als zwanzig Medikamenten zur Behandlung der mittelschweren und schweren Psoriasis auswählen. Lautete früher für uns Ärzte die Frage: habe ich eine Therapie, mit der ich meinen Patienten hinreichend behandeln kann, stehen wir heute vor der Frage: welche dieser zahlreichen Möglichkeiten zu behandeln, unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, die am besten geeignete darstellt. Und: wir haben deutliche Fortschritte seither gemacht, die kollegiale Zusammenarbeit voranzubringen. In einem ersten Schritt – und das war damals schon viel – haben sich niedergelassene und klinisch tätige Dermatologen zusammengeschlossen. Weitergekommen sind wir aber auch interdisziplinär – zum Beispiel bei der Behandlung von Begleiterkrankungen unserer Psoriasispatienten

Und wie steht es mit neuen Netz-Initiativen?

In den vergangenen Jahren hat sich das Behandlungsspektrum der Biologika ganz erheblich erweitert. Wir können diese neue Wirkstoffklasse nun auch bei Neurodermitis, bestimmten Formen der Akne und bei chronischen spontanen Verlaufsformen der Urtikaria einsetzen. Und auch in der Onkologie arbeiten heute Dermatologen mit Immuntherapien. Vor diesem Hintergrund bereiten wir die Gründung eines Hautnetzes vor, um den kollegialen Austausch und die Fortbildung auch in diesen Feldern zu stärken. Bei dieser neuen Initiative können wir auf die Vorerfahrungen des Psoriasisnetzes zurückgreifen

Nun klagen Patienten wie Ärzte – auf dem Land mehr als in großstädtischen Ballungsräumen – über Fachärztemangel. Was unternimmt das Psoriasisnetz Berlin und Brandenburg, um den dermatologischen Nachwuchs an die Anforderungen einer hochspezialisierten und vernetzten Versorgung Psoriasiskranker heranzuführen?

Vor Jahren haben wir bereits unsere quartalsweise stattfindenden Fortbildungsveranstaltungen für die Kolleginnen und Kollegen in Weiterbildung geöffnet. Darüber hinaus schreiben wir Stipendien für den Mediziner-Nachwuchs aus, um die Teilnahme an dermatologischen Kongressen zu fördern und Interesse an unserem Fach zu wecken. Und wir unterstützen fachwissenschaftliche Publikationen und Studien junger Dermatologinnen und Dermatologen zur Psoriasis.

Der mit der Ausbreitung der Corona-Pandemie wachsende Trend zu Onlineveranstaltungen könnte einen neuen Schub geben, noch mehr junge Kolleginnen und Kollegen an unser Netz heranzuführen. Wir ersparen damit unseren Mitgliedern in der Fläche weite Anreisewege und ermöglichen auch denen die Teilnahme, die am Termin selbst vielleicht verhindert sind. Das Wichtigste für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, besonders wenn sie in weniger gut mit Ärzten besetzten ländlichen Gebieten arbeiten, bleibt aber sicherlich der Austausch und die Unterstützung im Versorgungsalltag im direkten persönlichen Kontakt der Netzmitglieder untereinander und sei es – bei dringendem Abstimmungsbedarf – per Telefon.